AimPoint ist die führende Grünlese-Methode im Golf. Erfahre, wie die Technik funktioniert, warum Profis darauf schwören und wie du sie selbst lernst.
Kaum ein Teilbereich des Golfspiels wird so sehr dem Zufall überlassen wie das Lesen von Grüns. Während für Abschlag und Annäherung längst GPS-Distanzen, Launch-Monitore und Trackman-Daten zur Verfügung stehen, verlassen sich die meisten Golfer beim Putten immer noch auf ihr Bauchgefühl. AimPoint will genau das ändern. Die Methode übersetzt Physik in eine einfache Körperroutine und liefert dir in wenigen Sekunden einen verlässlichen Zielpunkt für jeden Putt.
In diesem Artikel erfährst du, woher AimPoint kommt, wie die Express-Methode funktioniert und wie du sie in dein eigenes Putting-Training integrierst.
Was ist AimPoint? Die Geschichte einer Grünlese-Revolution

AimPoint wurde vom amerikanischen Ingenieur und Datenanalysten Mark Sweeney entwickelt. Ursprünglich entstand die Technologie, um bei TV-Übertragungen von Profiturnieren die berühmte blaue Linie einzublenden, die den erwarteten Puttweg zeigt. Diese für das Fernsehen entwickelte Berechnungsgrundlage übertrug Sweeney anschließend in eine Methode, die jeder Golfer ohne Computer und ohne Vermessungsgerät auf dem Grün anwenden kann.
Aus der ursprünglichen, sehr detaillierten Analyse entstanden im Lauf der Jahre zwei praxistaugliche Routinen:
- AimPoint MidPoint , die ausführlichere, hochpräzise Variante mit mehreren Messpunkten
- AimPoint Express , eine stark vereinfachte Version, die mit nur einem einzigen Faktor arbeitet und sich deshalb besonders schnell erlernen lässt
Gerade AimPoint Express hat sich in den letzten Jahren auf den großen Touren durchgesetzt und wird von zahlreichen Spielerinnen und Spielern der PGA Tour und LPGA Tour genutzt, um Breaks in Sekundenschnelle zuverlässig einzuschätzen.
Warum die meisten Golfer beim Grünlesen danebenliegen
Die klassische Herangehensweise , hinter dem Ball in die Hocke gehen und den Weg zum Loch „erahnen“ , hat ein grundlegendes Problem: Aus dieser Perspektive lässt sich die tatsächliche Distanz kaum korrekt einschätzen, und ohne exakte Distanz ist auch keine exakte Break-Berechnung möglich. Die Folge: Golfer unterschätzen den Break in den allermeisten Fällen deutlich und kompensieren das unbewusst, indem sie den Ball zu hart schlagen oder die Schlagrichtung manipulieren.
AimPoint setzt genau hier an. Statt zu raten, arbeitest du mit drei objektiv messbaren Größen, die gemeinsam den Break jedes Putts bestimmen.
Die drei Faktoren, die jeden Break bestimmen

Distanz , Je weiter der Putt, desto mehr Zeit hat der Ball, um von der Schwerkraft seitlich abgelenkt zu werden. Ein falsch eingeschätzter Abstand verfälscht daher jede weitere Berechnung.
Neigung (Slope) , Der Gradient des Grüns, ausgedrückt in Prozent. Ein Gefälle von 2 % ist auf den meisten Golfanlagen üblich, da Grüns aus Entwässerungsgründen leicht geneigt gebaut werden. Steigungen über 4 % gelten als kaum noch bespielbar.
Winkel , Die Richtung, in der der Putt die Neigung kreuzt. Ein Putt, der exakt bergauf oder bergab verläuft, bricht praktisch gar nicht. Der stärkste Break entsteht, wenn der Putt im rechten Winkel zur Falllinie verläuft.
Erst die Kombination aller drei Faktoren ergibt einen verlässlichen Zielpunkt , daher auch der Name der Methode.
Die AimPoint-Express-Methode Schritt für Schritt
Schritt 1: Neigung mit den Füßen erfühlen

Der Kern von AimPoint Express ist die Fähigkeit, die seitliche Neigung des Grüns mit den Füßen zu spüren, statt sie mit den Augen zu schätzen. Dazu stellst du dich auf die Puttlinie und achtest bewusst darauf, wie viel Gewicht auf der bergauf- beziehungsweise bergab liegenden Seite deiner Füße lastet. Mit etwas Übung lässt sich dieses Gefühl in einen konkreten Neigungswert übersetzen, üblicherweise auf einer Skala, die in der Praxis selten über den Wert 7 hinausgeht. Die meisten Putts bewegen sich zwischen 0 und 3 Prozent Neigung.
Schritt 2: Kurze Putts richtig lesen
Bei kurzen Putts (etwa bis zwei Meter) stellst du dich mit den Zehen am Ball direkt zum Loch aus und ermittelst deinen Neigungswert. Bei einem niedrigen Wert zielst du knapp innerhalb des Lochs auf der höheren Seite. Bei größeren Neigungswerten hältst du entsprechend viele Finger an die tiefere Lochkante und zielst außen am obersten Finger vorbei. So entsteht ein simples, aber wirkungsvolles visuelles Zielfenster.
Schritt 3: Mittlere und lange Putts , die MidPoint-Technik

Bei längeren Putts wird der Neigungswert nicht am Ball, sondern im mittleren Streckenabschnitt ermittelt, da sich die Neigung über eine längere Distanz verändern kann und der mittlere Bereich den Break am stärksten beeinflusst. Dafür gehst du auf der tiefer gelegenen Seite der Puttlinie entlang und prüfst die Neigung bei etwa einem Drittel und zwei Dritteln der Strecke. Der größere der beiden Werte wird für die Berechnung verwendet, die Hand richtest du anschließend an der Lochmitte aus.
Schritt 4: Grüngeschwindigkeit einkalkulieren
Je schneller das Grün, desto stärker bricht der Ball. AimPoint Express berücksichtigt das über den Abstand zum Ball: Bei einem durchschnittlichen Stimp-Wert von etwa 7 und bei allen kurzen Putts bleibst du direkt über dem Ball stehen. Auf schnelleren Grüns (Stimp 9 und aufwärts) trittst du bei längeren Putts einen Schritt zurück und beugst den Arm stärker. Diese Kalibrierung darfst und solltest du im Lauf einer Runde anhand der tatsächlichen Ballreaktion feinjustieren.
Schritt 5: Doppelte Breaks lesen
Bei Putts mit zwei unterschiedlichen Neigungsrichtungen reicht für den einfachen Einstieg ein Kompromiss: Du ermittelst den Neigungswert exakt in der Mitte zwischen Ball und Loch und wendest ihn für die gesamte Puttlänge an. Wer mehr Präzision möchte, kann den Putt gedanklich in zwei Abschnitte teilen und jeden separat berechnen.
Die richtige Distanz einschätzen
Ein häufig unterschätzter Baustein der Methode ist die korrekte Distanzeinschätzung. AimPoint empfiehlt, sich seitlich zur Puttlinie zu stellen , etwa auf halber Strecke und rund fünf bis sechs Meter von der Linie entfernt , statt klassisch hinter dem Ball in die Hocke zu gehen. Aus dieser seitlichen Perspektive lassen sich Entfernungen deutlich zuverlässiger einschätzen. Wer zusätzlich seine eigene Schrittlänge kennt, kann die Distanz beim Abschreiten der Puttlinie sogar noch genauer bestimmen.
Warum „neun Zoll hinters Loch“ die goldene Regel ist
Ein interessanter Nebenaspekt der AimPoint-Lehre betrifft die Balltempo-Wahl: Je schneller ein Ball beim Erreichen des Lochs noch rollt, desto kleiner wird das effektive Zieltor, weil der Ball nur bei geringerer Geschwindigkeit tatsächlich in den vollen Lochdurchmesser hineinfällt. Rollt der Ball zu schnell, springt er über die Kante hinweg, selbst bei perfekter Ziellinie. Als Faustregel gilt daher eine Auslaufgeschwindigkeit, die dem Ball erlauben würde, rund 20 bis 25 Zentimeter über das Loch hinauszurollen. Bei diesem Tempo bleibt das „Zieltor“ spürbar größer als bei einem hart geschlagenen Putt, ohne dass der Ball bei einem Fehltreffer allzu weit zurückrollt.
AimPoint auf der Tour: Vom TV-Feature zur Erfolgsformel
Was als Grafik-Tool für Fernsehübertragungen begann, ist heute fester Bestandteil der Putt-Vorbereitung vieler Tourspieler. Zahlreiche Sieger auf PGA Tour, LPGA Tour und bei Major-Championships setzen AimPoint in ihrer Vorbereitungsroutine ein, und auch im Ryder Cup und Solheim Cup gehört die Methode mittlerweile zum Standardrepertoire vieler Teams. Bekannt wurde besonders der sprunghafte Aufstieg von Stacy Lewis an die Spitze der Weltrangliste, den sie selbst maßgeblich mit ihrer AimPoint-Arbeit in Verbindung brachte. Auch im europäischen Amateur- und Damengolf berichten Spielerinnen von spürbaren Verbesserungen ihrer Putt-Statistiken, nachdem sie auf die Methode umgestiegen sind.
Warum sich präzises Grünlesen so stark auszahlt
Wie wichtig ein exakter Read tatsächlich ist, zeigen typische Putting-Statistiken aus dem Amateurbereich:
| Puttlänge | Anteil aller Putts | Trefferquote (Handicap-abhängig) |
|---|---|---|
| bis 1,5 m | ca. 50 % | 88, 94 % |
| 1,5, 7,5 m | ca. 40 % | nur 4, 23 % |
| über 7,5 m | ca. 10 % | hohe Drei-Putt-Quote |
Der größte Hebel liegt also nicht bei den kurzen Puts, die ohnehin meist sitzen, sondern im mittleren Distanzbereich , genau dort, wo ein falscher Read am häufigsten zu Drei-Putts führt und wo AimPoint den größten Nutzen bringt.
Wie und wo lernt man AimPoint?
AimPoint wird nicht durch ein Buch oder ein Erklärvideo allein vermittelt, sondern in strukturierten Kursen von zertifizierten Instruktoren. In Deutschland und Österreich bieten mehrere PGA-Professionals offizielle AimPoint-Express-Level-1&2-Kurse an, die in der Regel etwa zwei Stunden dauern und meist zwischen 90 und 130 Euro pro Person kosten. In diesem Grundkurs lernst du die komplette Routine für kurze, mittlere und lange Putts sowie den Umgang mit einfachen und doppelten Breaks. Wer tiefer einsteigen möchte, kann anschließend Kalibrierungs- und Advanced-Kurse belegen, die mit Hilfsmitteln wie Neigungsstreifen noch feiner auf individuelle Distanzen und Grüngeschwindigkeiten eingehen.
Ergänzend gibt es digitale Trainingshilfen wie kleine Neigungsmesser für die eigene Puttingmatte sowie Lehr-DVDs und Online-Kurse, mit denen sich die Grundlagen zwischen den Präsenzterminen vertiefen lassen.
Für wen lohnt sich AimPoint?
AimPoint richtet sich ausdrücklich nicht nur an Tourprofis. Da die Methode auf einer klaren, wiederholbaren Routine basiert und keine jahrelange Erfahrung im „Grünlesen nach Gefühl“ voraussetzt, profitieren gerade Freizeitgolfer und Golferinnen mit höherem Handicap besonders stark. Wer regelmäßig Putts im mittleren Distanzbereich verzieht oder häufiger drei statt zwei Putts benötigt, findet in AimPoint ein systematisches Werkzeug, um diese Fehlerquelle gezielt zu reduzieren.

Fazit
AimPoint ersetzt Bauchgefühl durch eine nachvollziehbare, in wenigen Sekunden anwendbare Routine aus Fühlen und Zielen. Wer bereit ist, die Grundtechnik in einem Kurs zu erlernen und anschließend regelmäßig auf dem Übungsgrün zu festigen, kann seine Trefferquote bei mittleren und langen Putts spürbar verbessern , und damit Schläge sparen, die auf keiner anderen Position des Golfplatzes leichter zu holen sind.
AimPoint Putting FAQ
Ist AimPoint auch für Anfänger geeignet?
Ja. Die AimPoint-Express-Methode ist bewusst so vereinfacht, dass sie ohne golferische Vorerfahrung im Grünlesen erlernbar ist. Voraussetzung ist lediglich die Bereitschaft, die Fußtechnik in einem Kurs zu üben.
Wie lange dauert es, AimPoint zu lernen?
Die Grundroutine (Level 1&2) wird üblicherweise in einem rund zweistündigen Kurs vermittelt. Bis die Technik auf dem Platz sicher sitzt, empfiehlt sich zusätzlich mehrwöchiges Übungsgrün-Training.
Braucht man für AimPoint spezielle Ausrüstung?
Nein, die Grundtechnik funktioniert ohne Hilfsmittel. Für das Training zu Hause bieten sich optional digitale Neigungsmesser oder spezielle Kalibrierungs-Strips an.
Was unterscheidet AimPoint Express von AimPoint MidPoint?
AimPoint Express arbeitet mit einem einzigen Faktor (der gefühlten Neigung) und ist auf Geschwindigkeit ausgelegt. AimPoint MidPoint ist die ausführlichere, ursprüngliche Methode mit mehreren Messpunkten und höherer Präzision, erfordert aber mehr Übung und Zeit auf dem Grün.
Nutzen auch Profis AimPoint?
Ja, zahlreiche Spielerinnen und Spieler der PGA Tour und LPGA Tour setzen AimPoint als Teil ihrer Putt-Vorbereitung ein.















